Striptease der Theatermacher
OÖ Nachrichten, 2. Juli 2010 - Was für ein Theater, dieses Theater! Tür auf, Tür zu, Schein rein, Sein raus und umgekehrt. Die köstliche Farce „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn, die der Theatersommer Haag auf dem Stadtplatz anrichtet, geht hinunter wie die öligen Sardinen.

Die Treppen rauf, die Hosen runter: Hinter den Kulissen bricht das Theater-Chaos aus. Bild: Yasmina Haddad
Die kleinen Fischchen tauchen in dem turbulenten Stück, das der Engländer Michael Frayn 1982 geschrieben hat, auf und ab, bleiben liegen oder fliegen. Sie sind Requisite der deftigen Boulevard-Klamotte "Nackte Tatsachen", deren holpriger Generalprobe wir im ersten Teil beiwohnen.
Es geht in dem Stück im Stück um das, worum es auf den vielen Sommerbühnen in stickig-schwülen Stadeln, charmefreien Mehrzweckhallen und freiluftig zwischen Gelsengeschwadern immer geht: um eine rasante Verkettung von Misstverständnissen, eindeutige Zweideutigkeiten, verlockend Anzügliches und locker Ausgezogenes.
Die wackere Truppe schauspielender Dilettanten macht dem Regisseur (Fritz Hammel) das Leben schwer, der wie ein zynischer, tobender Don Quijote gegen die Windmühlen der Unzulänglichkeiten ankämpft, gegen vergessene Texte, schluckende Spechte, naive Blonde, selbstüberschätzte Kerle.
Spieß und Bühne umgedreht
Im zweiten Teil wird der Spieß gemeinsam mit der Schotten-Karo-Bühne und ihren vielen Rein-Raus-Türen und Rauf-Runter-Treppen tatsächlich umgedreht. Wir blicken während der Tournee von „Nackte Tatsachen“ hinter die Kulissen. Auf der anderen Seite wird Theater gespielt, hier Leben. Vorne wird der Komödien-Schein gewahrt, hier treibt ein Drama voll Liebelei, Eifersucht und Animosität tempo- und actionreich und gespickt mit bösem Slapstick auf seinen skurrilen Höhepunkt zu.
Das Finale, furios. Die Parodie einer Farce, die in ihren letzten Zügen liegt. Frei nach Murphys Gesetz geht auf der Bühne schief, was schief gehen kann. Alles und jeder scheint bei der letzten Aufführung zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, ein groteskes Tohuwabohu als Dekonstruktion. Was für ein Theater! Zum Schreien!
Eine tiefe Verneigung gebührt Regisseurin Daniela Kranz, die das Geschehen stets beschleunigt und in dieser hoch diffizilen Timing-Angelegenheit den Überblick behält.
Es ist ein Vergnügen, den trefflich besetzten Figuren in ihren absurd-schrillen Kostümen (Marie-Luise Lichtenthal) bei ihrer dreifachen Hetzjagd auf und hinter der Bühne (Martin Warth) zuzusehen.
Babett Arens dreht als Dotty auf und durch. Oliver Mommsen und Magdalena Kronschlager legen als lässiger Typ ohne Namensgedächtnis und unterbelichtete Blondlocke einen feinen Paarlauf hin, ebenso Markus Heinicke als überfordertes Sensibelchen und Annette Frier als resolute Gerüchtebotin. Peter Drassl hat urkomische Momente als abgehalfteter Bühnen-Altspatz, Gerti Drassl mimt eine Regieassistentin, an der sich Schuld wie Dreck von Schuhen abstreifen lässt. Inspizient Stefan Laczkovics rotiert als Mädchen-für-eh-alles.
Ein hetziges Sommertheater, dass das Sommertheater entlarvt.
Info: „Der nackte Wahnsinn“, Stadt Haag, bis 31. Juli, Karten: u.a. OÖN-Ticket-Hotline 0732 / 7805 805, www.nachrichten.at/ticket (2 Euro OÖNcard-Rabatt)
