Von: Wolfgang Schmutz
Possierliches Chaos
Der Standard, 2. Juli 2010 - Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn" beim Theatersommer Haag
Haag - Die leicht Muse kann ein schwerer Brocken sein. Vor allem wenn man einer englischen Provinztheatergruppe angehört, die nach zwei Wochen wenig erfolgversprechender Proben vor der Premiere steht und der aufzuführenden Komödie nicht Herr wird. Da nützt die Eselsgeduld des fachmännische Überlegenheit versprühenden Regisseurs (Fritz Hammel) nur wenig. Das Chaos, es nimmt seinen Lauf.
Michael Frayns Farce Der nackte Wahnsinn transportiert ein Stück im Stück, macht die Schauspielerei zum Thema. Damit sowohl die doppelte Konstruktion als auch alles (einigermaßen) Komische gut gelingt, verflacht der Autor zuvorderst seine Charaktere. An den Protagonisten kleben die Klischees als wär's Theaterschminke: das dümmlich starrende Blondchen, zuständig für luftige Bekleidung (Magdalena Kronschläger), die rivalisierenden Männer mit guten Ratschlägen für den Regisseur (Oliver Mommsen und Markus Heinicke) und die alternde Beinahe-Diva (Babett Arens), zeitlebens auf Nebenrollen abonniert.
Während die probende Belegschaft nach und nach die Nerven verliert, halten die Bewohner der Vernunftecke alles am Laufen. Annette Frier gibt die beschwichtigende Actrice, Gerti Drassl das folgsame Hascherl einer Assistentin und Stefan Laczkovics den duldenden Techniker.
Viel Ehr' an Schauspielkunst lassen Regisseurin Daniela Kranz und Theatersommer-Intendant Gregor Bloéb hier auffahren. Die vereinten Kräfte sorgen tatsächlich dafür, dass so manch Abgeklatschtes erträglich, ja, über weite Strecken sogar komisch wird.
Der zweite Akt gelingt vortrefflich. Was sich davor mühselig an Handlung und lauer Komik eta-blierte, bekommt nun endlich Schwung und Pfiff. Autor Michael Frayn lässt das Spiel im Spiel ein weiteres Mal laufen - die Truppe ist schon auf Tournee -, nur diesmal sitzt man hinter den Kulissen, als die Katastrophe sich intensiviert.
Damit nicht genug. Das endgültige K.o. will zelebriert sein, es läutet zur dritten Runde. Die Ausstattung ist ramponiert, die Schauspieler schwer gezeichnet. Das nur noch in Bruchstücken aufgeführte Stück ist Nebendarsteller ihrer persönlichen Krisen geworden. Am Ende bricht das Chaos in Haag jedoch nur possierlich aus. Schrilles wird vermieden, immerhin wurde das enge Korsett der Stückverehrung angezogen. So passt die dezente Weste am Ende nur einem wirklich gut: Peter Drassl, der den alten Schauspieler und Schluckspecht Selsdon wunderbar unterspielt.
